Susanne Viktoria Haupt
10. Juni 2011

„Geschlafen wird nicht!“

Am 24. Juni feiert langeleine.de das fünfjährige Jubiläum des Kulturkioskes. Die Herausgeber und Veranstalter Jörg Smotlacha und Henning Chadde erinnern sich an das erste Mal und blicken auf die Anfangstage des Online-Journals zurück. Ein Interview

Jörg Smotlacha und Henning Chadde

Nostalgisch: Jörg Smotlacha und Henning Chadde im Gespräch

langeleine.de: Fünf Jahre Kulturkiosk. Was kommt Euch in den Sinn, wenn Ihr an die Anfangszeit denkt?

Jörg Smotlacha: Als allererstes fällt mir ein, wie wir am Ende unserer Debütveranstaltung mit allen Künstlern gemeinsam auf der Bühne standen und eine Zugabe gegeben haben. Der erste Kulturkiosk lief noch als langeleine-Release-Party. Wir hatten überhaupt keine Ahnung, ob wir angemessene Gagen auszahlen können, aber am Ende war alles prima und 300 Zuschauer in der Faust-Warenannahme haben stehend applaudiert. Die Idee, unsere bis dato eher virtuelle Existenz mit langeleine.de auf die reale Welt auszudehnen, war ein voller Erfolg. Wir konnten der Vielfalt und Bandbreite des kulturellen Lebens in Hannover mit unserer als Soirée getarnten Superparty einigermaßen gerecht werden, glaube ich.

Henning Chadde: Ich habe da wohlige, nostalgische Vatergefühle. Der Kulturkiosk ist ja maßgeblich im Schaffen von langeleine.de verankert und aus diesem hervorgegangen. Da wir uns als Herausgeber und Journalisten auch in der Berichterstattung sehr für die Kultur unserer lieblichen Heimatstadt einsetzen, lag es uns am Herzen, von der virtuellen Netzwelt in die reale Welt zu switchen und mit Künstlern, die wir schätzen und interessant finden, im prallen Bühnenleben präsent zu sein.

ll: Hattet Ihr bestimmte Erwartungen und haben die sich mit der Entwicklung der Veranstaltung gedeckt?

Chadde: Wir haben von Anfang an einfach tolle, erlebnisreiche Abende erwartet, die eine eigene, sympathische Note mit einem hohen kulturellen Entdeckerwert und jeder Menge Spaß verbinden. Das ist uns sicherlich bis heute gelungen und darf auch so bleiben. In diesem Sinne haben sich unsere Erwartungen erfüllt. Zudem lieben wir den greifbaren und spürbaren Kontakt zu unseren Lesern und unserem Publikum. Man darf wohl sagen, dass der Kulturkiosk mittlerweile zu einer kleinen Institution in Sachen abwechslungsreicher Kulturabende geworden ist. Beliebt gleichsam bei unseren Gästen und unseren Künstlern. Das macht uns ziemlich stolz.

Smotlacha: Henning und mir schwebte vor, durch den Mix der verschiedenen Sparten Musik, Literatur, Kunst, Theater, Film und darüber hinaus unser Publikum für das zu begeistern, was in Hannovers Ateliers, Studios und Hinterzimmern ausgeheckt wird. Und zwar vor allem für das, was nicht mit im Feuilleton der hannoverschen Presse vorkommt. Es gab da schon ein paar unvergessliche Highlights: Gleich nach der Release-Veranstaltung sind zum Beispiel C-Punkt und B-Man von den Wohnraumhelden mit dem Literaten Mirco Buchwitz gemeinsam auf Tour gegangen. Der Rockabilly Sascha Bogumil aka Ramblin‘ Man Bogart hat zur Freude unserer Zuschauer ein paar Zugaben mit den Rappern von der Föderation gespielt und der Cellist Niko Herdieckerhoff hatte noch in der Nacht nach einem Kulturkiosk im November 2006 die Idee für eine CD. Langeleine.de hat dann die Release-Party veranstaltet. Dieses Vernetzen der verschiedenen künstlerischen Talente und Ansätze hat einfach immer wieder zu großartigen Ergebnissen geführt, die auch für unseren beruflichen Werdegang von Bedeutung waren und sind.

Großes Finale bei der langeleine.de-Release-Party im Juni 2006

Großes Finale bei der langeleine.de-Release-Party im Juni 2006

ll: Am 24. Juni feiert Ihr das 5-jährige Jubiläum mit einem Best of Kulturkiosk. Meistens wird das gemacht, wenn etwas Neues bevorsteht. Wird sich der Kulturkiosk verändern?

Chadde: Veränderung ist immer gut und sicherlich gibt es einige Ideen für neue Ansätze. Aber im Gros stehen wir zu der guten, alten Devise „never change a winning team“. Der Kiosk läuft ja recht gut so, wie er läuft. Was wir uns für die Zukunft allerdings sehr wohl vorstellen können, sind einige Auswärtsspiele oder eine kleine Tour neben unserer Heimatspielstätte in der Faust-Warenannahme. Das baldowern wir gerade aus. Lasst Euch überraschen.

Smotlacha: Der Kulturkiosk, so wie er besteht, hat ein Konzept, von dem wir unbedingt überzeugt sind. Und dennoch gibt es Grenzen. Diese auch noch zu sprengen, soll uns eine Aufgabe sein. Es darf mehr getanzt werden! Und Punkrock und Elektro im Theatersaal, ohne dass das Publikum gleich rausstürzt – das ist fast eine revolutionäre Aufgabe!

ll: Gleichzeitig wird auch sechs Jahre langeleine.de gefeiert. Wo seht ihr das Journal in der hannoverschen Medienlandschaft positioniert?

Chadde: Unabhängig und auf seine eigene Art und Weise, beispielsweise mit unserem Blickwinkel und dem berichterstattenden Tenor, ziemlich weit vorne.

Smotlacha: Ich denke, dass wir uns da als unabhängige Meinung im Bereich Kultur etabliert haben. Als Plattform und Forum. Klein, aber fein. Es gibt so viele engagierte Kulturschaffende in Hannover und es ist eine Riesenaufgabe, allen gerecht zu werden, aber wir stehen für eine bestimmte Haltung und das wissen die Leser ebenso zu schätzen wie unsere Kollegen in den Medien und in der Kultur.

Jörg Smotlacha und Henning Chadde im Interview mit der Kollegin Susanne Haupt

Smotlacha und Chadde im Interview mit Kollegin Haupt

ll: Wohin wird oder darf sich das Journal verändern?

Smotlacha: Wir sind immer offen für neue Einflüsse und nehmen gerne jeden Input entgegen. So arbeiten wir auch gerne mit jüngeren Autorinnen und Autoren, die direkt von der Uni kommen oder anderweitig journalistisch-literarische Talente entwickelt haben. Vor allem aber ist es an der Zeit, langeleine.de ein neues Design zu verpassen. Und auch die Entwicklungen im Web gilt es aufzunehmen. Wir werden uns da auch mal ein bisschen stärker medienpolitisch einmischen. Allerdings wollen wir bei unserer Grundidee bleiben: Unser Journal soll in erster Linie gute Artikel bieten – das heißt, der Text steht im Mittelpunkt.

Chadde: Wir verändern uns in alle Richtungen, die uns und der Redaktion mehrwertig und berichtenswert erscheinen und uns Spaß machen. Und natürlich unseren Lesern. Wichtig ist und bleibt auf jeden Fall der neugierige Fokus von langenleine.de, denn den betrachten wir definitiv als unseren Faustpfand. Nicht nur in journalistischer Hinsicht, sondern gleichsam als Wegbereiter und Zugang in das Herz einer liebens- und lebenswerten Stadt mit tollen Menschen, wunderbaren Veranstaltungen und Projekten und jeder Menge Erlebnisqualität.

ll: Zeit, mal ein wenig über Euch beiden zu plaudern. Was macht ihr eigentlich neben Eurer Tätigkeit als langeleine-Herausgeber, Event-Veranstalter und Mediendienstleister?

Chadde: Schlafen, lieben, leben!

Smotlacha: Gibt es denn ein Leben neben unserem wundervollen und ausfüllenden Beruf? Manchmal überschneidet es sich schon arg, denn wir haben ja einfach dieses überbordende kulturelle Interesse in uns. Da hängt schon sehr viel Herz dran. Aber ich mag mein wildes Leben. Und Zeit für gute Freunde, gute Musik oder ein gutes Buch bleibt immer. Ansonsten schließ ich mich dem Kollegen an. Nur geschlafen wird nicht!

Jörg Smotlacha und Henning Chadde

„Never change a winning team“: Jörg Smotlacha und Henning Chadde

ll: Was würdet ihr euch momentan von der Kulturszene in Hannover wünschen?

Chadde: Gar nicht so viel – sie gedeiht, ist lebendig, innovativ und äußerst bunt. Manchmal braucht es sicher noch einige Stufen mehr Sensibilisierung und Selbstwahrnehmung in Richtung Professionalität, aber insgesamt funktioniert die Zusammenarbeit untereinander – auch spartenübergreifend – erstaunlich gut und fruchtbar. Sicher benötigt die Kultur insgesamt und im Speziellen viele freie Kulturprojekte dringend gesichertere Finanzierungen. Letztlich aber sind auch hier wiederum die Künstler und Veranstalter selbst gefragt, innovative Modelle zu entwickeln und umzusetzen. Da hilft kein Jammern, da muss man einfach ran, auch wenn das weite Feld der Mittel-Einwerbung und des Selbst-Marketings für viele als unliebsam und unkreativ gilt.

Smotlacha: Mehr Phantasie, um die durch das Establishment vorgegebenen Schubladen, Schranken und Ausgrenzungen permanent zu überwinden!

ll: Haut jetzt mal alle Gründe raus, warum die Menschen am 24. Juni unbedingt zum Kulturkiosk kommen sollten!

Smotlacha und Chadde: Kramer & Houston, Herr Lerbs, Kotelett Schabowski und Peter Märtens! Außerdem die immer wieder bemerkenswerte, wunderbare Stimmung des Kulturkioskes beziehungsweise seiner Künstler und seines Publikums. Und wer mal Henning, Jörg und Susanne kennenlernen möchte, der ist hiermit auf ein Bier eingeladen.

Nicht verpassen:

Der KULTURKIOSK am Freitag, dem 24. Juni. Mit den Gästen Kramer & Houston, Herr Lerbs, Kotelett Schabowski und Peter Märtens.

(Interview: Susanne Haupt, Fotos: Susanne Haupt (1,4), Barbara Mürdter (2), Florian Haupt (3))

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Kategorien: Menschen

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