Matthias Rohl
30. Juni 2011

Filmgeschichte(n): „Winterschläfer“

Auf Liebe und Tod im Schnee: Mit seiner ersten Kinoproduktion gelang Tom Tykwer ein Karriere-Auftakt nach Maß

Winter, ein verschneites Dorf bei Berchtesgaden. Hier kreuzen sich in virtuoser Parallelmontage fünf Lebenswege in einem grausigen Unfalltod, bei dem ein kleines Mädchen erst ins Koma fällt und schließlich stirbt. Die üppig-laszive Blondine Rebecca (Floriane Daniel) lebt als Übersetzerin in einer Bergvilla zusammen mit Freundin Laura (Marie-Lou Sellem), einer introvertierten, magersüchtigen Krankenschwester und erfolglosen Laienschauspielerin. Rebecca liebt Marco (Heino Ferch), einen egomanisch-potenten, untreuen und eifersüchtigen Skilehrer mit Sportwagen. Der Filmvorführer René (Ulrich Matthes) wiederum leidet an anterograder Amnesie, einer Störung des Kurzzeitgedächtnisses, seit die Explosion einer Testgranate bei der Bundeswehr seinen Kopf schwer verletzte. Mit chronologisch geordneten Fotografien versucht er, Ereignisse seines Alltags zu rekonstruieren. Bei einer Auführung des örtlichen Laientheaters lernt René Laura kennen und die beiden verlieben sich.

“Winterschläfer”, Filmplakat

Fundamentale Meditation über Schicksal und Aufbruch, Liebe und Tod, Schuld und Begehren: „Winterschläfer“, Filmplakat

Bauer Theo (Josef Bierbichler) ist indes mit seinem Auto unterwegs, um das kranke Pferd seiner Tochter zum Tierarzt zu bringen. Seine Tochter sollte zu Hause bleiben, hat sich aber im Pferde-Anhänger versteckt. Auf einer kurvenreichen Bergstraße kommt Theo ein Fahrzeug entgegen, und beim Versuch, einen Frontalaufprall zu vermeiden, gerät sein Wagen ins Schleudern. Im umgestürzten Anhänger entdeckt der Bauer seine schwerverletzte Tochter. Bei der Operation des Mädchens im Krankenhaus assistiert ausgerechnet Laura. Doch welcher Fahrer provozierte den Unfall und beging dann Unfallflucht? Theo leidet aufgrund des Unfallschocks an Amnesie und kann sich nur in vage wiederkehrenden Bruchstücken an eine sportliche Karosserie und einen Mann erinnern, der eine seltsam schlangenförmige Narbe am Hinterkopf trug…

Denkwürdiges Portrait der „Generation Golf“

Mit dem kunstvoll verwickelten Plot seines Liebesthrillers „Winterschläfer“ (1997) gelang Regisseur Tom Tykwer ein veritabler Karriere-Auftakt nach Maß. Was die Philosophie „Kontingenz“ nennt – dass ein Ereignis geschieht, ist weder notwendig noch unmöglich -, gerinnt bei Tykwer zu einer fundamentalen Meditation über Schicksal und Aufbruch, Liebe und Tod, Schuld und Begehren. Dem Betrachter entgeht dabei schwerlich der kaum getarnte Wille, der „Generation Golf“ ein denkwürdiges Portrait in packenden Bildern zu zeichnen. Narrativ und visuell wirkt der Film streckenweise wie eine raffinierte Vorstudie zum innovativen Hochgeschwindigkeits- und Ideen-Feuerwerk, welches der Regisseur ein Jahr später mit „Lola rennt“ entfachen sollte: Das clevere Spiel mit Verschiebungen und Verdopplungen, Wendungen und Spiegelungen steigert nicht nur die Komplexität der Figuren-Konstellationen, sondern kombiniert und komponiert kunstvoll die ästhetischen Attraktionen einer verschneiten Alpenlandschaft mit einem Soundtrack, dessen „klirrende Melodie“ die mysteriösen Montagen der Bilder vorantreibt, „wie mit dem Glockenspiel geschlagen, getragen von einem pulsierenden, untergründigen Beat. Bild und Ton erzeugen eine sogartige Bewegung“, wie die offizielle Webseite des Regisseurs treffend mitteilte.

“Winterschläfer”, Filmszene

Heiße Romanze: Rebecca (Floriane Daniel) und Marco (Heino Ferch)

Nicht nur die Gemeinde der passionierten Arthouse-Zuschauer, sondern auch die Kritiker zeigten sich von „Winterschläfer“ entzückt: „Ein irritierend schöner Film über den Tod und die Liebe: Tom Tykwer erzählt von fünf Menschen in einem verschneiten Bergkaff, deren Lebensläufe er schicksalhaft verknüpft“, urteilte das Fachblatt „Cinema“, während der „Kurier“ bilanzierte: „Alles in allem: Ein prächtiges Melodram. Sein Regisseur Tom Tykwer weist dem europäischen Kino neue Wege… einer der hinreißendsten Filme des Jahres“. Selbst der „Focus“ resümierte: „Ein außergewöhnlicher Film – kalter Thriller, süffiges Melodram und heiße Romanze.“

Leben in Farben

Überdies ersann Tom Tykwer, der sich übrigens in seinen journalistischen Texten als profunder Kenner der Filmgeschichte erweist, einen weiteren expressiven Kunstgriff zur Steigerung der suggestiven Wirkung, mit der sein Kinodebüt auf ganzer Linie überzeugt. Seine vom polnischen Regie-Kollegen Krzysztof Kieślowski entlehnte Farb-Dramaturgie, die jeder tragenden Figur eine charakteristische Farbe zuweist, lässt den Zuschauer in eine Choreographie des überlagerten Zufalls eintreten, in der Läuterung nach klassischer Lesart nicht mehr möglich scheint. So trägt die blonde Rebecca rot und signalisiert Liebe, Lebenshunger und Leidenschaft. Laura, die schwarzhaarige, introvertierte, frustrierte Krankenschwester hingegen bevorzugt grün, sowohl bei ihrer Kleidung als auch bei der Gestaltung ihrer Wohnräume. Marco trägt einen blauen Ski-Anorak, René sieht man stets in schwarz, Theo in grau, Nina in gelb…

“Winterschläfer”, Filmszene

Komponierte einen irritierend schönen Film über den Tod und die Liebe: Tom Tykwer auf dem Set zu „Winterschläfer“

Tykwers Liebe zum Werk Kieślowskis lässt es konsequent erscheinen, dass der Regisseur 2001 mit „Heaven“ den ersten Teil einer unvollendeten, religiös grundierten Trilogie („Heaven“, „Hell“, „Purgatory“) des 1996 verstorbenen polnischen Kollegen realisierte. Und nach den künstlerisch eher zwiespältigen Ausflügen ins Mainstream-Kino mit „Das Parfüm“ (2006) und „The International“ (2009) wird man fragen dürfen, wohin die Tykwer-Reise nun geht. Ob das neueste Projekt „Der Wolkenatlas“, eine Regie-Kooperation mit den Wachowski-Brüdern („Matrix“), die im Herbst 2012 in die Kinos kommen soll, den hohen Erwartungen gerecht werden kann, bleibt jedenfalls mit Vorsicht abzuwarten. 100 Millionen Dollar Budget sowie Tom Hanks und Halle Berry in tragenden Rollen lassen eher Zweifel aufkommen…

nächste Folge:
„Up In The Air“
Auftrieb und Verwöhnung: mit George Clooney im Transitraum

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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