Susanne Viktoria Haupt
29. Juli 2011

“Ohne Liebe kein Protest”

Eine lebendige Kulturszene wäre nichts ohne Menschen, die sich mit Leidenschaft für ihre Ziele einsetzen. Die Theater-Regisseurin Bea Tinzmann hat eine beachtenswert rasante Entwicklung hinter sich

Bea Tinzmann

Eine Frau mit Power: Bea Tinzmann

Bea Tinzmann strahlt vor Selbstbewusstsein und besitzt eine angenehm lockere Ausstrahlung. Mit ihren 29 Jahren hat sie schon viele Dinge mit einer verblüffenden Leichtigkeit erreicht, die für ihr Talent und Können stehen. Aufgewachsen in Burgdorf, entwickelte Tinzmann im Fach Darstellendes Spiel bereits in der Schule ihre Liebe zum Theater und stand selbst lange Zeit auf der Bühne. Die “Unmittelbarkeit und Einmaligkeit” des Theaterspiels zog sie dabei in ihren Bann. Nachdem sie 2002 ihr Abitur bestanden hatte, ging sie nach Wien, um Theater-, Film- und Medienwissenschaften sowie Soziologie zu studieren. Familiäre Gründe trieben sie jedoch 2004 wieder nach Hannover, so dass sie ein Jahr später an der Universität Hildesheim ins vierte Semester des Studiums der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis einstieg. Zeitgleich leitete sie mehrere Jugendclubs, in denen sie zusammen mit den teilnehmenden Jugendlichen eigene Bühnenstücke schrieb und inszenierte, unter anderem “Schalldicht”, “Der Zitronenbonbonbaum” und “Die Geschichten des alltäglichen Wahnsinns”.

“Sprung ins kalte Wasser”

Während ihrer Tätigkeit im Bereich des Jugendtheaters merkte Tinzmann, dass das Inszenieren für sie eine Berufung ist und ihre schauspielerische Tätigkeit der Vergangenheit angehören sollte. Zeitgleich wurde ihr vom Schauspielhaus Hannover eine Hospitanz als Bühnenbildnerin angeboten, die sie sofort annahm. Nach zwei weiteren Hospitanzen wurde ihr eine zweijährige Anstellung als Regie-Assistentin angeboten, für die sie ihr Studium auf Eis legte. “Es war ein Sprung ins kalte Wasser”, beschreibt Tinzmann diesen traumhaften Aufstieg, den sich so manch einer in der Theaterwelt wünschen würde. Zwar hatte sie keinerlei Vorkenntnisse in ihrem neuen Tätigkeitsfeld, aber wann, wenn nicht jetzt? Zwei Jahre lang arbeitete sie unter anderem bei “Die Probe” unter der Regie von Florian Fiedler, für “Die schmutzigen Hände” unter Rafael Sanchez, bei “Ödipus” unter Wilfried Minks oder bei “Das kalte Herz” unter Schorsch Kamerun. Das notwendige Knowhow, um später eigene Stücke auf die Bühne zu bringen, konnte sich Tinzmann schnell aneignen.

Neue Herausforderungen

Die erste Station auf dem Weg zu eigenen Werken sollte die Cumberlandsche Galerie sein, wo Tinzmann Sybille Bergs “Hab ich Dir eigentlich schon erzählt?” in eine szenische Lesung verpackte, die im Rahmen des Kaltstart Festivals 2008 Hamburg eroberte. Mit an Bord der Schauspieler Philippe Goos. Tinzmann arbietete sich aus der Position der Assistentin heraus und bekam Nick Hornbys “Nipple Jesus” zugetragen. Das Stück ist der Monolog eines Museumswächter, der sich auf Grund eines Kunstwerkes, welches den leidenden Jesus in einer Collage aus Nippeln zeigt, in seinem ganzen Kunstverständnis irritiert fühlt. Für Bea Tinzmann war die Auseinandersetzung mit einem Ein-Mann-Stück eine willkommene Herausforderung. Sie kämpfte dafür, die Rolle des Museumswächters mit Philippe Goos zu besetzen, mit dem sie schon gute Erfahrungen gemacht hatte. Mit Goos zusammen arbeitete sie den Monolog durch, zerlegte ihn und fügte ihn schließlich wieder zusammen, um eine ganz neue Sicht von Hornbys Werk auf die Bühne zu bringen. Seit 2009 läuft das Stück sehr erfolgreich in Hannover und wird auch in der Spielzeit 2011/2012 wieder aufgenommen.

Nipple Jesus

Seit 2009 im Programm des Schauspielhauses Hannover: “Nipple Jesus” mit Philippe Goos

Ein starkes Team als Basis

In diesem Jahr konnte Tinzmann endlich ihre Vision von einer eigenen künstlerischen Gruppe realisieren. “Grenzkollektiv” nennt sich die Gruppe, der auch die Kostümbildnerin Johanna Krause angehört sowie die Schauspieler Holger Bülow und Katharina Merschel. Mit ihrem Künstlerkollektiv und der Autorin Marianna Salzmann entwickelte Tinzmann das Stück “Weltrettungsauftrag”, das am 3. November 2011 Premiere in der Eisfabrik feiern wird. Ohne ihr Team, so Tinzmann, wäre eine derartige Produktivität kaum denkbar. Der künstlerische Austausch, die Impulsgabe und das gemeinsame kreative Denken seien Grundlage ihrer Arbeit. Dabei sieht Tinzmann es als ihre Aufgabe an, nicht weltfremde Geschichten auf die Bühne zu bringen, sondern Impulse direkt aus der Gesellschaft zu bekommen. Für “Weltrettungsauftrag” wurde zum Beispiel extra ein Interview mit einer Frau geführt, die Stimmen hört. Doch bei der Umsetzung zum fertigen Theaterstück lag der Fokus nicht so sehr auf dem Krankheitsbild, sondern es ging der Regisseurin mehr darum, was es überhaupt bedeutet, Stimmen zu hören und unter welcher Ausgrenzung und Stigmatisierung die Betroffenen zu leiden haben beziehungsweise wo sie selbst innerhalb der Gesellschaft positioniert werden. “Ein fiktiver postdramatischer Theatertext” sei dabei zu Stande gekommen, sagt Tinzmann.

Zwischen Sitzblockade und Liebe

Die Arbeit mit Interviews ist auch Hauptbestandteil ihrer Performance “Ich brenn auf voller Flamme”, die – mit den Schauspielern Laura Uhlig und Holger Bülow – am Samstag, dem 6. August auf dem diesjährigen Fährmannsfest aufgeführt wird. Der Untertitel “Holger bringt die Liebe aufs Fährmannsfest und Laura möchte eine Sitzblockade sein” macht jedenfalls definitiv schon einmal Lust auf mehr. “Ohne Liebe kein Protest”, findet Tinzmann. Grundlage für das Stück sind Interviews mit Menschen, die sich schon lange für eine Protestbewegung engagieren, und Bücher über Protestbewegungen. Lange im Voraus wurde nicht geprobt, Improvisation und schnelles Eindenken in die Materie sind gefragt. Generell malt sich Tinzmann viele Dinge spontan aus: “Wenn ich eine Tochter von Alpinisten wäre oder das Kind zweier Schausteller, jeden Monat in einer anderen Stadt und mir mein Karussell selbst aufbauen könnte …”, sinniert sie und nutzt die Fähigkeit der Bebilderung von Emotionen und Lebensumständen für ihre Inszenierungen. In Limmer hat sie mit ihrer Kostümbildnerin Johanna Krause mittlerweile ein Büro namens “Kreativbau” eröffnet, in dem auch der Fantasy-Illustrator Malte von Wildenradt sitzt. Neben der Performance auf dem Fährmannsfest und der Premiere in der Eisfabrik legt sie momentan viel Energie in die Arbeit mit ihrer Künstlergruppe. Das “Grenzkollektiv” soll möglichst bald mit einer eigenen Web-Präsenz an den Start gehen, Newsletter sollen eingerichtet und die Social-Network-Plattformen genutzt werden. “Folgt mir nicht, ich weiß auch nicht wohin”, sei ihr Lieblingssatz, erzählt Bea Tinzmann zum Abschluss ihres Gespräches. Aber mal ehrlich: Wer sich mit Bea Tinzmann über ihre Arbeit als Theater-Regisseurin unterhält, stellt schnell fest, dass sie sehr genau weiß, wo sie hin möchte. Wir sind gespannt!

“Ich brenn auf voller Flamme”
Theaterabend von Bea Tinzmann
Fährmannsfest Hannover, Kulturbühne, Faust-Wiese
Samstag, 6. August 2011, 19 Uhr

(Foto: Susanne Haupt (1), Pressefoto (2))

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Kategorien: Bühne, Menschen

Ein Kommentar

  1. leoni selle sagt:

    frau tinzmann ist meinbe theater lehrerin….sie sit so toll

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