Matthias Rohl
26. Juli 2011

Filmgeschichte(n): „Up In The Air“

Auftrieb und Verwöhnung: mit George Clooney im Transitraum

„All die Dinge, die Sie wahrscheinlich am Reisen hassen, die klimatisierte Luft, das künstliche Licht, die Saft-Automaten, das billige Sushi, geben mir das wohlige Gefühl, zu Hause zu sein. Mich zu kennen, heißt, mit mir zu fliegen. Hier lebe ich.“ Ryan Bingham (George Clooney) ist Globalisierungsgewinner par excellence und liebt sein Leben im Luxus. Er fliegt beruflich kreuz und quer durch Amerika und gönnt sich keine Auszeit. Für die Beratungsfirma CTC führt er Kündigungsgespräche im Auftrag von Unternehmen, die sich in der grassierenden Wirtschaftskrise gezwungen sehen, Personal „freizusetzen“. Sein rastloses Leben zwischen Airport, Hotelbar und Büroturm gerät plötzlich aus der luxurierten Routine, als er Alex (Vera Farmiga) kennenlernt – eine seelenverwandte Frau, die ähnlich zu leben und zu denken scheint, wie er selbst: „Ich bin die Frau, um die Du dir keine Gedanken machen musst. Betrachte mich so, als wäre ich Du – nur mit Vagina.“ Als seine neue, frisch examinierte Kollegin Natalie Keener (Anna Kendrick) seinen unbekümmerten Lebensstil radikal in Frage stellt, regen sich bei Bingham allmählich Zweifel, ob er sich tatsächlich noch auf dem richtigen Weg befindet. Als er Alex ernsthaftere Absichten signalisiert, muss er entdecken, dass sie nicht die Frau ist, für die sie sich ausgibt…

“Up In The Air”, Filmplakat”

Tragikomödie zur angespannten Wirtschaftslage: „Up In The Air“, Filmplakat

Bewegung oder Tod

Mit „Up In The Air“ (2009), seinem dritten Film, gelang Regisseur Jason Reitman ein seltenes Kunststück: die Inszenierung eines schwerblütigen Stoffs als vielschichtig schwebende Tragikomödie zur aktuell höchst angespannten Wirtschaftslage Amerikas. Bereits das Design der Titelsequenz ist ein kleines Meisterstück des „Setting the mood“: ein zweiminütiges, zeitloses Ton-Gedicht. Das Leben im Transitraum, die Liebe im Hotel, der Luxus auf Reisen – galant, ideenreich und perfekt in Tempo und Timing, eröffnet die Story frei von Genre-Konventionen einen Raum ausgefeilter Dramaturgie. Der automatisiert freundliche Touch, der die Welt des Protagonisten in ihrer Umlaufbauhn hält, täuscht zunächst über tiefe Risse hinweg, die sich schon bald unter der glattpolierten Oberfläche eines Einzimmer-Apartments auftun. Binghams Professionalität ist coole Fassade, hinter der eine tiefe Einsamkeit steckt, die von ihren eigenen Abgründen nichts weiß. Grandios gespiegelt in Sound-Design und Bild-Montage, wenn der Business-Mann akribisch seinen Trolley-Koffer packt, für den es nur ein Ziel zu geben scheint: zehn Millionen Bonusmeilen. Die Meilen haben kein Ziel, sie sind das Ziel – Bewegung bedeutet Leben, Stillstand beinahe Tod: „Je langsamer wir uns bewegen“, so doziert Bingham bei einem seiner Motivations-Vorträge, „umso schneller sind wir tot. Wir sind Haie.“

“Up In The Air”, Filmszene”

Leben zwischen Airport, Hotelbar und Büroturm: Business-Mann Ryan Bingham (George Clooney)

Phänomenologie der Langeweile

In einer Szene, die leider nicht Eingang in die finale Schnittfassung fand, bekennt die Hauptfigur: „Ich bin wohl eine Mutation, eine neue Spezies. Ich lebe zwischen den Rändern meiner Reiserouten.“ Und in der Tat – lässt man sich von massenmedialen Einflüsterungen über „Globalisierung“ nicht irritieren, wird deutlich, dass der Film einen Lebensstil in Szene setzt, den man zu den seltenen Luxusphänomenen der Verwöhnung einer aufstrebenden Mittelklasse rechnen muss. In seiner brillanten Monumental-Schrift „Die Verwandlung der Welt“ (2009) konstatiert der Historiker Jürgen Osterhammel: „Selbst heute, im Zeitalter von Satelliten-Kommunikation und Internet, leben Milliarden in engen, lokalen Verhältnissen, denen sie weder real noch mental entkommen können. Nur privilegierte Minderheiten denken und agieren ‚global‘.“ Und dennoch macht es den Charme von „Up In The Air“ aus, dass sich in dem Film die Nähe zu Martin Heideggers Phänomenologie der Langeweile erkennen lässt, die der Meisterdenker aus Meßkirch einst in seinen Grundbegriffen der Metaphysik enwickelte.

“Up In The Air”, Filmszene”

Kollegin Alex (Vera Farmiga) bringt Ryan aus dem Gleichgewicht

Augenblicke ohne Spitze

Mit rhetorischer Verve hat Peter Sloterdijk in seinem Groß-Essay „Sphären III. Schäume“ (2004) dies in Erinnerung gerufen: „Vor dem Unbehagen in der Erleichterung gibt es kein Entrinnen: Weil im abgerüsteten Dasein das innere Ernstfall-Urteil ausbleibt, fühlt sich das Subjekt einer schalen Entlastung ausgesetzt. Seine Leichtigkeit tut ihm auf merkwürdige Weise weh – oder besser, es fühlt sich von dem, was weh tun könnte, beunruhigend abgeschnitten. Es ist sich selber gleichgültig – und das zu Recht, da es ihm so, wie es gegenwärtig lebt, bei allem, was es unternimmt, um nichts Wirkliches gehen kann. Das unergriffene Leben langweilt sich. Langeweile, das heißt: man erfährt die eigene Zeit als eine innere Dehnung, die übermäßig auffällt, weil sie sich nicht in sinvollen Handlungen erfüllt. Sie wird erlebt als quälende Dauer vor dem Eintritt des nächsten Ereignisses, das die Stauung auflöste.“ Daher die sinnlose Jagd nach Bonusmeilen und Mitgliedskarten. Heidegger selbst hatte von der Langeweile als „Entschwinden der Spitze eines Augenblicks“ gesprochen. Wer hätte je gedacht, dass sich Heideggers Gedankenwelt derart leichtfüßig in zeitgenössische Bilder auf unterhaltsame Weise übersetzen ließe? Im inneren Monolog versunken, steht George Clooney mit suchendem Blick vor der Flug-Anzeigetafel. Die Angst, sterblich zu sein, evoziert eine diffuse Sehnsucht nach Bedeutung. Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma seiner Luxuslüge zwischen Leichtsinn und Langeweile? „Heute Abend werden die meisten Menschen zuhause von hochspringenden Hunden und quietschenden Kindern begrüßt. Ihre Partner werden fragen, wie ihr Tag war, und die Nacht werden sie in ihrem Bett verbringen. Die Sterne werden aus ihrem Versteck emporsteigen. Und eines dieser Lichter, ein wenig heller als die anderen, wird die Spitze meines Flügels sein, wenn ich vorüberfliege.“ Im Abspann schneidet eine Linien-Maschine durch die Wolken.

nächste Folge:
„The Sopranos“, „True Blood“, „The Wire“ und Co.
Ist das Fernsehen innovativer als das Kino? Ein Rundgang durch die neueren US-Serien

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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