Susanne Viktoria Haupt
5. September 2011

“Doch versucht vor allem, stets dabei gut auszusehen und bewahrt Haltung”

Seitenansicht: “Ein bekotztes Feinrippunterhemd ist der Dresscode zu meinem Lebensgefühl” von Alex Gräbeldinger

“Ein bekotztes Feinrippunterhemd ist der Dresscode zu meinem Lebensgefühl”, Buchcover

Allegorie auf Alex Gräbeldingers Buchcover: Hilfloser Teddy gefangen im bekotzten Unterhemd inmitten von Alkohol und Kippenchaos

Wie ist das eigentlich, wenn man bei Omi am Kaffeetisch sitzt und noch so verkatert ist, dass nur der Kuchen als Beschäftigungsmöglichkeit bleibt? Alex Gräbeldinger weiß, wie das ist, und er weiß auch, wie es ist, wenn man dauernd irgendwo zerrockt aufwacht und der Alkohol die Erinnerung fachgerecht in Stücke zerrissen hat. In seinem Kolumnenband “Ein bekotztes Feinrippunterhemd ist der Dresscode zu meinem Lebensgefühl” erzählt Gräbeldinger von seinen Erlebnissen zwischen Partys, pikanten Rendezvous und dem Scheitern des ewigen Versuchs, wenigstens halbwegs die Codes und Normen der bürgerlichen Gesellschaft zu erfüllen. Leicht fällt das dem bekennenden Punk nicht, denn schon in jungen Jahren ritzte er sich ein Anarchie-Symbol in den Arm und füllte es mit China-Tinte. In seinen Storys begegnet Gräbeldinger auf der Suche nach Liebe den unterschiedlichsten Frauen, spricht offen und ehrlich über die rudimentären Probleme des Mannseins, fliegt von Partys, weil das Personal ihn für einen Drogendealer hält und rekapituliert zögerlich die Zeit in der “Klappsmühle” zwischen Psychopharmaka und Ergotherapie.

Was pointiert und humorvoll beschrieben wird und einen authentisch lockeren Wortwitz zeigt, ist aber mehr als nur die Geschichte von einem der vielen hängengebliebenen Punks, die kein Bein auf den Boden bekommen. Hinter der sarkastischen und selbstironischen Fassade, so dämmert es dem Leser recht zügig, steckt ein intelligentes Scheitern, das keinerlei Mitleid erhaschen möchte und dem auch Selbstmitleid ungemein fremd ist. Alex weiß, was schief geht und warum es schief geht und auch, dass ihm auf irgendeine Art und Weise die Hände gebunden sind, so dass er seinen Weg nicht ändern kann. Also arrangiert er sich mit sich selbst, mit dem Bruch zum Bürgerlichen und den damit verbundenen Anforderungen von Familie und Freunden. Allerdings zum Glück ohne dabei seine verträumte und sympathische Suche nach Liebe aufzugeben.

Alex Gräbeldinger, laut Klappentext Autor, Punk, Opfer, Philosoph, Wahnsinniger und Vollidiot, publiziert seine autobiographischen Kolumnen im Ox-Magazine, hat es mit seinem Erstlingswerk “Handbuch zur seelischen Selbstverstümmelung” an die Spitze der nordrheinwestfälischen Schullektüre-Charts geschafft und steht zurzeit kurz vor der Veröffentlichung seines zweiten Kolumnen-Bandes “Bald ist Weltuntergang, bitte weitersagen”. Bis dahin und auch danach ist und bleibt das “bekotzte Feinrippunterhemd”, das in der zweiten Auflage laut Verlag ein exklusives Pennerfoto des Autors enthält, eine Pflichtlektüre für alle, die ihren eigenen Kater zähmen wollen.

Alex Gräbeldinger: “Ein bekotztes Feinrippunterhemd ist der Dresscode zu meinem Lebensgefühl”, Kolumnensammlung, 174 Seiten, Kopfnuss Verlag, ISBN-13: 978-3000250255, 9,90 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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(Foto: Pressefoto)

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Kategorien: Literatur

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