Matthias Rohl
1. September 2011

Filmgeschichte(n): „The Sopranos“, „True Blood“, „The Wire“ und Co.

Ist das Fernsehen innovativer als das Kino? Ein Rundgang durch die neueren US-Serien

Fans der Serie „Sex and the City“ (1998–2004) werden sich noch genau an jene inzwischen legendäre Folge „What’s Sex Got To Do With I?“ aus der 4. Staffel erinnern: Wir sehen Samantha Jones (Kim Cattrall), der beim lesbischen Cunnilingus plötzlich weibliches Ejakulat in Großaufnahme ins Gesicht spritzt. Was ist geschehen im zurückliegenden Jahrzehnt, dass wir uns als Zuschauer inzwischen an derart neue Maßstäbe in der Darstellung von Sexualität in TV-Serien gewöhnt haben? Und gelten diese neuen Maßstäbe auch für die Darstellung von Gewalt? In der bahnbrechenden, vielfach preisgekrönten Serie „The Sopranos“ (1999–2007), wie „Sex and the City“ ebenfalls eine Produktion des amerikanischen Fernsehanbieters HBO (Home Box Office), werden wir in der Folge „University“ (Staffel 3, Episode 6) Zeuge, wie eine hochschwangere Frau mit unzähligen Schlägen zu Tode geprügelt wird. Wir sehen eine Mafia-Serie, in der Vergewaltigungen, Verstümmelungen, Morde und andere Grausamkeiten in immer neuen Variationen explizit zur Darstellung gebracht werden.

“The Sopranos”, Plakatmotiv zur Fernsehserie

Ambivalente Faszination der Gewalt: Plakatmotiv zur mehrfach preisgekrönten US-Fernsehserie „The Sopranos“

„‚The Sopranos‘ bietet ein Kompendium von Akten der Gewalt, regelmäßig wird geschlagen, gestochen und geschossen, bis das Kunstblut in Strömen fließt“, resümiert der Filmwissenschaftler Ivo Ritzer in seiner luziden Studie „Fernsehen wider die Tabus. Sex, Gewalt, Zensur und die neuen US-Serien“ (2011). Seine Diagnose, die er mit Bezug auf an Freud, Foucault und Bataille entwickelt: „Neben den unmittelbaren Affekt aber tritt auch eine mentale Stimulation des Publikums. Ästhetische Fantasien um Sex und Gewalt setzen eine ambivalente Faszination im Rezipienten frei, indem sie hinter die gewohnte Ordnung der Dinge und ihre tabuisierten Felder blicken … Die Konfrontation zwischen Tabu und Tabubruch findet im Innen ebenso statt wie im Außen, wird erst abgeschlossen im mentalen Schrecken, der bleibt, auch wenn das audiovisuelle Ereignis längst vergangen ist.“

Polyamorische Exzesse

Dieser Resonanzraum an der Grenzlinie zwischen Tabu und Tabubruch lässt sich mühelos durch weitere aktuelle Beispiele ausleuchten. Die Vampir-Serie „True Blood“ zum Beispiel, eine weitere HBO-Produktion, die seit 2008 im US-TV läuft, zelebriert die polyamorischen Exzesse zwischen Mensch und/oder Vampir mit lustvoll-ironisch zur Schau gestellten Splatter-Einlagen: „Den Vampiren gefällt es sehr, ihre Fangzähne während des Liebesspiels in fremde Arterien zu schlagen“, sadomasochistische Sexualität werde „auch ohne dramaturgische Motivation für die zu erzählende Geschichte“ effektvoll ins Bild gesetzt, beobachtet Ritzer. Noch einen Schritt weiter geht die Serie „Spartacus: Blood and Sand“ (2010), die in ihrer Eigenwahrnehmung radikaler sein will als jede Fernsehserie zuvor – kaum überraschend, wenn man weiß, dass „Tanz der Teufel“-Mastermind Sam Raimi neben Robert Tapert als Produzent fungierte.

“True Blood”, Szenenfoto

Lustvoll zur Schau gestellte Splatter-Einlagen: Szenenfoto aus „True Blood“

Eros und Thanatos bilden hier die bipolaren erzählerischen Koordinaten und erinnern nicht selten an Ridley Scotts „Gladiator“ (2000), die 100-Millionen-Dollar teure HBO-Serie „Rome“ (2005–2007) sowie Zack Snyders „300“ (2006): „Zur Darstellung kommen einerseits wieder und wieder erotische Begegnungen: heterosexuelle ebenso wie auch homosexuelle, konsensuelle ebenso wie auch gewaltsame Praktiken“, und bei den „Gladiatorenkämpfen vor ekstatischem Publikum“ werden Extremitäten und Köpfe abgetrennt, Eingeweide quillen aus aufgeschlitzen Körpern, Blutfontänen treten aus geritzten Adern, sogar schwangere Frauen und Kinder werden massakriert, protokolliert Ivo Ritzer.

Moralische Komplexität

Neben solchen Produktionen, die offensichtlich mit dem Kalkül des Tabubruch-Reizes ein Fernsehen für Zielgruppen schaffen wollen, die am gewöhnlichen Programm kein Interesse mehr zeigen, muss man aus der jüngeren TV-Geschichte besonders zwei Kriminal-Serien herausheben, die das Niveau narrativer, moralischer und dramaturgischer Komplexität auf eine neue Stufe gehoben haben und nicht zuletzt deshalb zu DVD-Erfolgen avanciert sind. Sowohl „The Shield“ (2002–2008, FX Network) als auch „The Wire“ (2002–2008, HBO) zeigen alle Merkmale des neuen Typs seriellen Erzählens – ein Typ, der definiert ist „durch multiple Konflikte, die sich nicht länger auf eine Episode beschränken, sondern die einzelnen Folgen aufeinander aufbauen lassen … Diverse Erzählstränge ziehen sich durch mehrere Episoden oder ganze Staffeln mit der Konsequenz, dass eine Verknüpfung der einzelnen Folgen nach dem Prinzip der Fortsetzungsserie – im Gegensatz zur Episodenserie mit in sich abgeschlossenen Folgegeschichten – chronologisch erfolgt und auch auf diese Weise rezipiert werden muss … Hier wird nicht eine Geschichte immer wieder erzählt, hier wird eine Geschichte immer weiter erzählt. Konflikte sind daher als Entwicklungsprozesse zu etablieren, was die Komplexität narrativer Entwürfe potenziert“, beschreibt Ivo Ritzer dieses neue Niveau zeitgenössischer US-Serien-Formate, das vor allem mit Blick auf „The Wire“ in der Gemeinde der Kritiker weltweit zu Begeisterungsstürmen führte.

“The Wire”, Szenenfoto

Verwickelte Plots und komplexe Figurenkonstellationen: Bill Raymond, Pablo Schreiber und Chris Bauer in „The Wire“

Gar von einem „Balzac für unsere Zeit“ war in der Frankfurter Allgemeine Zeitung die Rede, von der Geburt einer Gattung in direkter Konkurrenz zum Roman. Ein neues Format, bei dem ein wachsendes Publikum sich vom Sequel- und Franchise-Irrsinn aktueller Kinoproduktionen längst verabschiedet hat und stattdessen Gefallen findet an Serien-Erzählungen, in denen die moralische Komplexität der Figurenkonstellationen, dramaturgische Selbstreflexionen, verwickelte Plots und symbolische Vielfach-Codierungen den besonderen rezeptionsästhetischen Reiz ausmachen. Viele US-Serien-Formate der letzten Dekade zeigen uns einen überbordenden narrativen Nuancenreichtum, der das Zeichen-Repertoire des zeitgenössischen Kinos inzwischen nicht selten übersteigt. Es dürfte spannend werden zu verfolgen, inwieweit dieser Reichtum vielleicht sogar in die Lage kommt, in naher Zukunft die Gattung des Romans aus dem unterhaltungsmedialen Blickfeld zu verdrängen.

nächste Folge:
„Der Exorzist“
Tonspur des Grauens: Wie Regisseur William Friedkin das Sound-Design der Angst perfektionierte

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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