Matthias Rohl
27. September 2011

Filmgeschichte(n): „Der Exorzist“

Tonspur des Grauens: Wie Regisseur William Friedkin das Sound-Design der Angst perfektionierte

Prolog im Nord-Irak: Bei archäologischen Ausgrabungen entdeckt der schwer erkrankte Pater Lancaster Merrin (Max von Sydow) antike Artefakte: von Dämonen-Figurinen abgeschlagene Köpfe und ein Amulett. Panisch sondiert der Geistliche seine Umgebung. Die bohrend-leeren Blicke der Einheimischen, der enervierende Takt der Schmiedehammer, eine urplötzlich stehenbleibende Wanduhr, zwei tollwütig kämpfende Hunde am Fuße einer Teufels-Statue. Die Szenerie lässt die Zuschauer nahezu körperlich erahnen, welche Bedrohung die Figuren der Geschichte noch ereilen wird…

“Der Exorzist”, Filmplakat

Toxisches Hybrid aus metaphorischer Zeitgeist-Studie und perfekter Horror-Show: „Der Exorzist“, Filmplakat

Szenenwechsel: Washington, Georgetown. Die prominente Schauspielerin Chris MacNeil (Ellen Burstyn) lebt mit ihrer zwölfjährigen Tochter Regan Teresa (Linda Blair) in einem Haus und kam eigens für Dreharbeiten aus Hollywood in das Universitätsviertel der Stadt. Abgelenkt durch ihre Affäre mit dem alkoholkranken Regisseur Burke Dennings (Jack Macgowran), bemerkt sie erst spät die bedrohliche Metamorphose ihrer Tochter. Regan erzählt von irritierenden Träumen, sie belügt ihre Mutter, und ihr Bett bewegt sich nachts auf unerklärliche Weise – und das ist erst der Anfang. Die von MacNeil konsultierten Ärzte diagnostizieren „Hyperaktivität“, behandeln zunächst mit Ritalin, müssen jedoch im Verlauf der Behandlung erkennen, dass ihre schulmedizinischen Methoden machtlos sind. Schließlich machen sie einen exzentrischen Vorschlag: Man solle einen Exorzisten zurate ziehen. In ihrer tiefen Verzweiflung wendet sich Regans Mutter an den Jesuiten-Pater Damien Karras (Jason Miller). Doch auch Karras weiß keinen Rat und bittet seinen Bischof um Hilfe, der wiederum erinnert sich an Pater Lancaster Merrin.

Cassavetes trifft Stoker

„Der Exorzist“ (1973) gewann nicht nur Oscars für das beste adaptierte Drehbuch und den besten Ton, sondern gilt bis heute unter Filmwissenschaftlern zu recht als toxisches Hybrid aus metaphorischer Zeitgeist-Studie und perfekter Horror-Show. Tom Tykwer beschrieb das erschreckende Lichtspiel im Fachblatt „steadycam“ als „Psychodoku-Horrorfilm. Panisches Cinéma vérité. Als hätte John Cassavetes Bram Stoker verfilmt.“ Regisseur William Friedkin, der in seiner Karriere bereits in allen erdenklichen Genres wilderte, verdichtete in diesem großen Kassenerfolg der 1970er Jahre die moralische Erschütterung der amerikanischen Öffentlichkeit durch die Watergate-Affäre, das Trauma der Vietnam-Kriegserfahrung und die Widergeburt von Sektentum und Satanismus im Zeichen-Reservoir der Popkultur mit entschlossener Geste. Im Kern zeichnet sein Opus Magnum dabei mit ungeheurer Strahlkraft und nuancierten Charakter-Zeichnungen eine moderne Patchwork-Familie: Im Streit geschiedene Eltern, der Vater lebt in Europa und verweigert seine familiären Pflichten, die Mutter hat deshalb Wutanfälle am Telefon, betäubt ihre Enttäuschung durch eine leidenschaftslose Affäre und vernachlässigt darüber die pubertierende Tochter, die sich in Tagträume flüchtet.

“Der Exorzist”, Filmszene

Die „hyperaktive“ Regan (Linda Blair) schockt die Geistlichen: Pater Lancaster Merrin (Max von Sydow) und Pater Damien Karras (Jason Miller)

Dazu kommen unzählige, klug inszenierte Details, die von den Zuschauern ein waches Auge für lauernde Sub-Texte fordern: Pater Karras, psychiatrischer Berater der örtlichen Gemeinde, trinkt Bier und Scotch und fürchtet, seinen Glauben verloren zu haben. Dabei ist er von Schuldgefühlen zerrissen, weil er überzeugt ist, seine sterbende Mutter zu vernachlässigen. Die einzige Triebafuhr ist das tägliche Lauf- und Boxtraining. Ein Protest-Priester in innerer Emigration. Regans obszöne Attacken auf Repräsentanten der „phallischen“ Mächte (Ärzte, Priester) lassen sich wiederum als metaphorisch getarnter Angriff der Jugend auf jede Form traditionaler Autorität lesen – gipfelnd in der Selbstentjungferung mit einem Kruzifix. Einige Kritiker wollten in Friedkins kunstvollen Andeutungen gar einen Hinweis auf einen sexuellen Mißbrauch Regans als Ursache ihrer Besessenheit erkannt haben.

Jenseits von Kinderlied und Motorsäge

Doch jenseits dieses visuellen Detailreichtums ist evident, dass Friedkins Meisterwerk seine epochale Bedeutung primär aus dem Sound-Design schöpft. Musik und Sound sind die Erkennungsgrößen und das „Audio-Branding“ des Horrorfilms: Ertönen die Glocken einer Spieluhr, die brausende Motorsäge, das harmlose Kinderlied oder der geistliche Gesang, dann wissen wir Zuschauer: Es wird blutig! Der Musik- und Filmwissenschaftler Frank Hentschel hat in seiner einzigartigen Studie „Töne der Angst. Die Musik im Horrorfilm“ (2011) präzise beschrieben, inwieweit Friedkin über solche stereotypen Klangpartikel hinausgeht. Während Klänge aus Mike Oldfields Klassiker „Tubular Bells“ die vermeintlich heile Welt vor und nach dem Horror umrahmen – Friedkin spricht vom „innocent nursery-rhyme-style for Regan“ -, dominiert dazwischen eine Atmosphäre der Kälte, des Schaurigen und Fremdartigen, exemplarisch hörbar am Einsatz von Krzysztof Pendereckis erstem Streichquartett.

“Der Exorzist”, Filmszene

„Panisches Cinéma vérité“: Ellen Burstyn als Mutter der Besessenen

„Der eingespielte Abschnitt der Komposition ist durch überaus ungewöhnliche Klänge gekennzeichnet, die in der Zeit, da sie komponiert wurden, erst recht in solcher Häufung, unerhört waren, den Anstrich des Fremdartigen aber bis heute nicht verloren haben“, notiert Hentschel: „Beispielsweise werden die Saiten mit offener Hand oder mit den Fingern oder die Decke des Instruments mit dem Frosch oder mit der Fingerspitze geschlagen. Der Tonumfang erstreckt sich von den tiefsten bis zu den höchsten Tönen des Instrumentariums, die sich in kürzester Zeit sprunghaft ablösen und überkreuzen, und es gibt keine Melodik, Harmonik oder periodische Rhythmik in irgendeinem herkömmlichen Sinne. Vielmehr entsteht eine Klangwolke aus rasch aufeinander folgenden perkussiven Klängen.“ Regisseur Friedkin gelingt nicht weniger als die subtile Einflechtung enervierender Tonelemente in den sparsam eingesetzten Klang- und Geräuscheteppich – und sucht dabei den surrealen Effekt: „Unvertraut“, schreibt Hentschel, „ist die Musik zunächst einfach dadurch, dass sie das traditionelle, tonale Tonsystem durchbricht. Sie verhindert das Gefühl, sich in den Klängen zuhause zu fühlen, das noch von der traurigsten und aufreibendsten Musik ausgelöst wird, sofern sie sich des vertrauten Tonsystems bedient.“ Sie ist die kalte Hand im Nacken des Zuschauers, die Friedkin sich wünschte. Seine Klangforschungen waren übrigens Vorbild für Stanley Kubricks „The Shining“ (1980).

Postskriptum: Aus aktuellem Anlass sei den heutigen Lifestyle-Katholizisten nicht verschwiegen, dass auf bundesdeutschen Kabarett-Bühnen seit Jahren hartnäckige Gerüchte kursieren, denen zufolge der amtierende Papst Benedikt XVI. aka Joseph Aloisius Ratzinger einst als Ausbildungsleiter für Exorzisten-Seminare fungiert haben soll. Ob ihm wohl das Werk William Friedkins bekannt ist?

nächste Folge:
„Scarface“
Sophisticated und sexy: Brian De Palma ist der große Stilist des New Hollywood

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

Ein Kommentar

  1. Der Film hat ein atemberaubendes Sounddesign. Ich mag ihn sehr!

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