Heike Werner
5. Juli 2006

"Man darf nicht absetzen"

Tradition der Bethlehem-Gemeinde: Der Bierlauf um die Kirche

Bierstand am Koetnerholzweg

Professionell: Frisch Gezapftes am Kötnerholzweg

Für einige war es am Samstag nur ein Spaß, für andere sogar der absolute Saison-Höhepunkt, für den lange trainiert wurde: Der Lindener Bierlauf. Im Ziel angekommen sind zum Glück alle Läufer mehr oder weniger schnell, aber auch mehr oder weniger betrunken. Und das bei unglaublichen 28 Grad und strahlendem Sonnenschein. langeleine hat sich – nüchtern – unter die 40 Bierläufer und -walker gemischt.

1,5 Liter Bier in 14 Minuten

Titelverteidiger Olaf Lechtenfeld am Start

Auf die Plätze, fertig, los – Titelverteidiger Olaf Lechtenfeld macht sich auf den Weg

Traditionsgemäß gilt es, eine Strecke von etwa 1,8 Kilometer durch Linden-Nord und um den Friedhof in Limmer zu absolvieren. An drei Ständen muss dann ein Glas mit 0,3 Litern Bethlehembräu getrunken werden, bevor die Sportler weiterlaufen dürfen. Insgesamt sind zwei Runden, also 3,6 Kilometer, zu absolvieren und fünf Gläser des Gerstensaftes zu leeren. Beides so schnell wie möglich. “Das erste Glas war noch erfrischend, darauf habe ich mich gefreut, weil ich kurz nach dem Loslaufen schon eine trockene Kehle hatte”, erzählte Titelverteidiger Olaf Lechtenfeld kurz nach der Zielankunft. Das dritte hingegen lag da schon etwas schwerer im Magen. Trotzdem ist Lechtenfeld die beiden Runden in einer atemberaubenden Zeit von 14:30 Minuten gelaufen – inklusive Biertrinken. Etwas blass um die Nase, aber lächelnd, steht er anschließend in der abgesperrten Quarantänezone kurz hinter dem Ziel und muss 15 weitere Minuten durchhalten. Denn das Bier muss drinbleiben. Gelingt ihm das nicht, wird er disqualifiziert.

Bierläufer in der Quarantaenestation

Quarantäne: Ein letztes Mal durchhalten

Mit Strategie zum Ziel

In der Zwischenzeit werden weitere Läufer auf die Strecke geschickt – im Abstand von zwei Minuten laufen sie los. Anfangs ist das Tempo bei den meisten noch sehr ambitioniert und schnell sind sie hinter der nächsten Straßenecke verschwunden. Doch schon eingangs der zweiten Runde, wenn sie das dritte Bier ansetzen, sind Laufschritt und Miene nicht mehr so entspannt, sondern sehr konzentriert.

Steffis viertes Bier

Stephanie Seibt und ihr viertes Bier

“Man darf das Glas beim Trinken nicht absetzen, sonst schafft man das nicht”, weiß die bierlauf-erfahrene Stephanie Seibt. Diesen Rat nimmt sich besonders ein Läufer zu Herzen: Als Christian Majoni das dritte Glas ansetzt, ist es leer, bevor man hingucken kann. “Christian besitzt scheinbar keinen Schluckreflex”, sagt Läufer Frank Beermann und schüttelt nur den Kopf. Und dabei trinke Majoni sonst nie Alkohol. Dafür ist er ein verdammt schneller Läufer – trotz Promille.

Italienfan Christian Majoni

Viva Italia – Christian Majoni kann seine Wurzeln nicht leugnen

Bierlauf färbt ab

Das Ergebnis aus diesen wenig vergleichbaren Talenten präsentiert Majoni schon kurz nach seiner Zielankunft: Ein breites Grinsen ziert sein Gesicht. Obwohl er es trotz eines Hechtsprungs ins Ziel nicht mehr schafft, Lechtenfelds Zeit zu unterbieten, hat er offensichtlich Spaß an der Veranstaltung. Mit seinen spontanen und herzlichen Umarmungen der Mitläufer macht er sich jedoch leider nur wenige Freunde. Denn ganz im Zeichen der Fußball-Weltmeisterschaft hat sich Majoni – als Sohn eines Italieners und Fan der italienischen Mannschaft – von seiner Frau Anja die italienischen Farben auf den Körper malen lassen. Und das sorgt bei den von ihm Geherzten nicht gerade für Begeisterung. Wo man hinsieht, entdeckt man grüne, rote und weiße Spuren auf den Trikots der Opfer. Der Stimmung auf dem Platz vor der Bethlehemkirche tut das aber keinen Abruch. Und als es dann für alle Sportler Schnittchen gibt, schmeckt auch gleich das Bier wieder.

(Fotos: Darius Pissulla, Quarantänefoto: Heike Werner)

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Kategorien: Sports, Unrat

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