Susanne Viktoria Haupt
3. Oktober 2011

„Whoosh!“

Seitenansicht: „Das Buch Gabriel“ von DBC Pierre

das buch gabriel cover

Ein ganz schönes Affentheater, wenn man sein Leben beenden will: „Das Buch Gabriel“, Buchcover

Gabriel Brockwell möchte sich umbringen. Soviel steht fest, und die Leser von DBC Pierres neuem Werk „Das Buch Gabriel“ werden unmittelbar auf der ersten Seite des Buches mit dieser Tatsache konfrontiert. Gabriel befindet sich allerdings zum Zeitpunkt seines Vorhabens in den Händen von Psychiatern, da sein Vater ihn nach einer mehr oder minder beabsichtigten Überdosis und dem Verlust von Job, Freundin und Freundeskreis in eine Klinik einweisen lies. Wer aber beabsichtigt, sich umzubringen und – man achte auf die Feinheiten – es vorher noch einmal richtig krachen lassen will, den stören nicht die festen Mauer einer Klinik. Gabriel entkommt und reist nach Tokio zu seinem alten Freund Nelson Smuts, der mittlerweile in einem Restaurant arbeitet und auf das Zubereiten von giftigem Fisch spezialisiert ist, um mit ihm das beste Suizid-Bankett aller Zeiten zu veranstalten. Doch Smuts landet keine vierundzwanzig Stunden nach Gabriels Eintreffen im Gefängnis, da er im betrunkenen Zustand einem Gast den giftigen Teil eines Fisches servierte und dieser ohne Spektakel beinahe aus dem Leben schied. Nun muss Gabriel, der ja eigentlich nicht mehr viel vom Leben wollte, helfen und Smuts vor einer harten Strafe bewahren. Er reist nach Berlin und gerät in all das hinein, wovon er loskommen wollte. Eingeholt von seiner Kindheit erlebt er Kokain-Vorhöllen und Alkohol-Exzesse, sinniert über längst vergessene Ideale und triff auf skurrile Berliner Urgesteine. Und dann sind da noch die Anrufe vom Anwalt seines Freundes, die zunehmend alarmierender werden…

„Das Buch Gabriel“ (im Original „Lights out in Wonderland“) ist DBC Pierres dritter Roman. Und wieder spickt er, wie schon in seinen beiden ersten Werken „Jesus von Texas“ und „Bunny und Blair“, seine literarischen Ausführungen mit seinen Weltanschauungen und kritischen Anmerkungen zum Zustand der gesellschaftlichen Gegenwart. Da es naheliegend wäre, davon auszugehen, dass Protagonist Gabriel Brockwell eine Art schriftstellerisches Alter Ego des australischen Autors ist, sei hier auf die eigens vom Autor geäußerte Interpretationshilfe verwiesen. Denn Gabriel Brockwell ist keineswegs eine Abbildung seines Schöpfers, sondern symbolisiert den freien Markt, der durch den ausufernden Kapitalismus und die Machtgier einiger weniger immer stärker dem Untergang geweiht ist. Da ändert auch die antikapitalistische Gruppe, der Gabriel vor seiner Einweisung in die psychiatrische Klinik angehörte, wenig, da sie sich allem Idealismus zum Trotz zunehmend selbst vermarktet hat und nun völlig sinnentleert wirkt.

DBC Pierres Buch ist ein von der Gedankenwelt des Autors beherrschter Roman, der sich durch skurrile Fußnoten, sehr spezielle Rezepte und den ständigen Gebrauch des Wortes „whoosh!“ auszeichnet und es seinen Lesern durch die konstante Verwendung des Bildes von einem Limbus nicht einfach macht. Kurz: „Das Buch Gabriel“ ist ein Werk, das nicht auf jeden x-beliebigen Nachttisch passt, aber anspruchsvolle Lektüre mit Charme und Humor bietet.

DBC Pierre: „Das Buch Gabriel“, Roman, 378 Seiten, Eichborn Verlag, ISBN-13: 978-3821861524, 19,95 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel