Henning Chadde
17. Oktober 2011

Volle Breitseite!

Seitenansicht: „Arschtrittfest“ von David von Nordstadt

Harte Schale, harter bis weicher Kern: „Arschtrittfest“, Buchcover

Eines sie vorweg erwähnt: Blümchenprosa, Popliteratur und modern-urbane Generations- und Befindlichkeitsgeschichten gehen anders. Komplett anders. In seinem Story-Band „Arschtrittfest“ nimmt David von Nordstadt den Leser vielmehr in nicht weniger als 41 Kurzgeschichten und erzählerischen Prosa-Miniaturen mit auf eine zumeist bissig-abseitige Reise an den – beileibe nicht immer sauberen – Rand der Gesellschaft. Mehr oder weniger durchzogen von dem Blickwinkel eines punkgestählten Outlaws, scheint dabei eine (Erzähl-) Haltung von vorne herein klar zu sein: „Ich – beziehungsweise die Protagonisten der Geschichten – versus die Gesellschaft“. In all ihren Formen, Auswüchsen und Abgründen. Sei es Konsum- oder TV-Kritik, sei es der als überbordend empfundene gesellschaftliche Gleichschritt und Herdentrieb, seien es die Anpassungszwänge und Erwartungen, die an einen eben auch nicht jünger werdenden (Haltungs-)Punk gestellt werden. Von Amok- bis Revolutionsgedanken und durchzechten Patynächten erstreckt sich von Nordstadts literarischer Gegenentwurf, ein Gegenentwurf, der auf den ersten Leseblick aus der Underground-Perspektive nur allzu erwartbar erscheint, den aber eines auszeichnet: das Fehlen jeglicher Resignation. Mögen sich von Nordtstadt und seine Protagonisten oft auch in Gewaltausbrüchen und -Fantasien wiederfinden – die sie ebenso oft auch nicht überleben -, der lakonische Schreibstil, eine wohl dosierte, ironische Distanz und nicht zuletzt die Selbstbestimmtheit des Handlungspersonals lassen die Geschichten zumeist wie mitten aus dem Leben gegriffen wirken. Als durchaus reelle – weil eben selbstgewählte – Möglichkeiten im unendlichen Durcheinander des bundesdeutschen Alltags mit all seinen Ab- und Verzweigungen, Entscheidungen, Wegen und Sackgassen.

Da es sich bei von Nordtstadts „Arschtrittfest“ – übrigens ein durchaus ernstgemeinter, programmatischer Titel – um eine Sammlung von Kurzgeschichten aus den Jahren 2003 bis 2010 handelt, ist eines besonders bemerkenswert: kommt der Erzähler in der ersten Hälfte des Buches noch extrem „heißspornig“ und nicht selten naiv um die Ecke, gepackt und geschüttelt von einem Zorn, der im Eifer auch vor Plattitüden und Tonnen von Stereotypen keinen Halt macht, schleicht sich in die zweite Hälfte des Werkes bisweilen eine bemerkenswerte Milde und Abgeklärtheit in die Stories. Keine Frage, gerade hier läuft von Nordstadt zur Höchstform auf, denn er spannt den Erzähl- und Betrachtungsbogen deutlich weiter, gönnt seinen Geschichten zunehmend Länge, tiefe Betroffenheit und ein selbstkritisches Augenzwinkern, dass man beinahe versucht ist von – nicht nur schriftstellerischer – Altersweisheit zu sprechen. Als Anlesetipps seien in diesem Zusammenhang vor allem „Ausgerechnet nach einem so langen Winter“, „Kneipensterben geht weiter“, aber auch „Die Sachen, die ich einer Parkuhr letztens an den Kopf warf“ sowie „Oh Du schöne Spargelzeit“ empfohlen. Allesamt Geschichten, in denen die Wut dem Herzen von von Nordtstadt Platz macht und einen tiefen, anteilnehmenden Einblick in seine Innen- und Empfindungswelten zulässt. Eine unerwartete, aber ebenso schöne Entwicklung, die fast schon wie eine Art Versöhnung anmutet. So scheint es doch, als hätten nicht nur die Protagonisten, sondern nicht zuletzt der Autor selbst nach all ihrer zu Anfang gesetzten zerstörerischen Ausbruchsstimmung ihren wahren Mittelpunkt, ihr Ich, gefunden. Und das liegt mitten im Leben. Mitnichten am Rande der Gesellschaft. Willkommen an Bord, Herr von Nordtstadt…

David von Nordstadt: „Arschtrittverse“, Kurzgeschichten, 130 Seiten, Selbstverlag, 9,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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