Barbara Mürdter
7. Juli 2006

Schwitzende Leiber im Latin-Ska-Groove

Die mexikanische Band Panteón Rococó bringt die 60er-Jahre-Halle zum Kochen und sorgt sich um die aktuelle politische Situation in Mexiko – Konzertkritik und Interview

Backofenhitze und maximale Luftfeuchtigkeit. Der Puls schlägt noch schneller als gewöhnlich, weil Portugal dramatisch kurz vor Spielende noch zwei Torchancen versemmelt hatte und somit seine Chancen an der WM-Finalteilnahme. Doch die neun Mexikaner auf der Bühne schaffen es innerhalb von Minuten, das alles vergessen zu machen. Panteón Rococó aus Mexiko City bringen an diesem Mittwochabend die 500 Besucher in der 60er-Jahre-Halle der Faust mit einer unwiderstehlichen Mischung aus Ska, Latin, Rock und Punk schon mit dem ersten Song zum Tanzen. Man schaut in ekstatische Gesichter, hunderte Hände recken sich der Bühne entgegen.

Panteón Rococó - Luis Román Ibarra

Panteón Rococó-Frontmann: Luis Román Ibarra

Die Musiker feiern mit ihren Fans: Sänger Luis Román Ibarra „Dr. Shenka“ fegt über die Bühne, reißt die Beine hoch, animiert seine Kollegen und das Publikum, es ihm gleich zu tun. Dabei hat er ein leichtes Spiel: Mit Percussion, Bläsersektion, zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug erzeugt die Band einen so vollen, energiegeladenen und auf den Punkt gespielten Sound, dass sie ein ganzes Fußballfeld voller Tänzer perfekt in Ekstase halten könnte und nicht nur einen mittelgroßen Club.

Publikum in Ekstase

Nach wenigen Minuten kocht der Saal

Band mit politischer Haltung

Panteón Rococó hatte sich Mitte der 1990er Jahre als Teil der damals entstehenden mexikanischen Ska-Bewegung zusammen gefunden. Einer Bewegung, deren besonderes Kennzeichen die starke Politisierung war. Zur gleichen Zeit sorgten die Zapatisten im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas für Aufsehen. Denen fühlt sich die Band noch immer sehr verbunden, ebenso wie anderen Organisationen, die sich gegen Unterdrückung und Diskriminierung wenden. Diese Haltung spiegelt sich in Texten und Plattentiteln wie „Compañeros Musicales“ (Musikgenossen) wider.

Panteón Rococó

Alle Neune: Panteón Rococó

Das Publikum im Bann

Es ist ein bisschen schade, dass Panteón Rococó auf der Bühne ebenso selbstverständlich in ihrer Muttersprache Spanisch mit dem Publikum kommunizieren wie so viele englischsprachige Musiker. So ist es unwahrscheinlich, dass ein größerer Prozentsatz des Spanischen mächtig ist und alle Ansagen versteht. Davon abgesehen ist das Konzert für alle eine riesige, wunderbare Party. Die Band hält das Publikum für zwei Stunden in ihrem Bann. Bei der Zugabe holen sie alle Kollegen und einige mutige Fans auf die Bühne. Luis dirigiert das Publikum – hunderte Leute heben die Hände und singen mit. Dabei entwickelt sich aber kein beängstigender Fanatismus, sondern alle wirken entspannt und glücklich.

Riesige, wunderbare Party - Panteón Rococó

Riesige, wunderbare Party – Panteón Rococó

Nach der Show ergiest sich ein Strom nassgeschwitzter Leiber ins Freie. Dort erwartet sie ein Sommergewitter als Krönung eines hochemotionalen, fast übernatürlichen Abends. Einige nutzen das aus einer Regenrinne schießende Wasser als Dusche, die nicht nur erfrischt, sondern auch den Schweißfilm abwäscht. Auch die Musiker zieht es nach draußen. Saxophonist Missael Oseguera hat selbst noch leuchtende Augen von der Riesenparty, auch wenn er sie auf Tour jeden Abend erlebt. Als er einige Gäste fragt, wie sie denn das Konzert gefunden hätten, lernt er das schöne deutsche Wort „Hammer!“.

Panteon_Missael.jpg

Weiß jetzt, wo der Hammer hängt – Saxophonist Missael Oseguera


„Die großen Parteien sind nicht die Lösung für die Probleme in Mexiko“

Zur aktuellen politischen Lage im Mexiko: Ein Gespräch mit Sänger Luis Román Ibarra und Saxophonist Missael Oseguera

In Mexiko hat am vergangenen Wochenende die zweite demokratische Wahl nach dem Ende von über 70 Jahren Regierung durch die Staatspartei PRI stattgefunden. Der Kandidat der Rechten, Felipe Calderón von der derzeitigen Regierungspartei Nationale Aktionspartei PAN, und der Kandidat der Linken, Andres Manuel Lopez Obrador von der Demokratischen Revolutionspartei PRD, lagen mehr oder weniger gleichauf und erklärten sich zu Wahlsiegern. Der um 0,4 Prozentpunkte vorne liegende Calderon wurde am Donnerstag Abend zum Sieger erklärt. Die PRD sprach von Wahlbetrug, kündigte rechtliche Schritte an und rief zu Straßenunruhen auf. Wir fragten Sänger Luis Román Ibarra und Saxophonist Missael Oseguera nach ihrer Einschätzung der derzeitigen politischen Situation.

Missael: Uns ist es letztendlich egal, wer gewonnen hat. Die großen Parteien sind nicht die Lösung für die Probleme in Mexiko. Alle drei aussichtsreichen Kandidaten arbeiten nicht mit den Menschen zusammen und kümmern sich nicht um sie. Für sie ist Mexiko einfach eine große Firma und es geht ihnen nur darum, wer der Manager dieses Geschäfts wird. Wenn die Ultrarechten gewinnen, wird es allerdings besonders problematisch, weil sie alles mit harten Maßnahmen regeln wollen, fast ein bisschen faschistisch.

Luis: Wir sind besorgt, auch weil wir nicht vor Ort sind. Wir schauen die ganze Zeit ins Internet und fragen unsere Freunde, denn den Medien in Mexiko kann man nicht trauen. Während der Wahl sind eigenartige Sachen passiert. Das Ergebnis hätte eigentlich am selben Abend herausgegeben werden müssen und dann sagt die Wahlkomission IFE „Nein, das dauert noch drei Tage“. Dann meldete eine Zeitung, das ein Haufen Wahlzettel in Mexiko City im Müll gefunden wurde. Drei Millionen Stimmen waren verloren. Und ich glaube auch, dass das stimmt. In den ganzen Wahlbüros in Mexiko-City sitzen Familienmitglieder der Ultrarechten, von Calderon und seinen Leuten. Wir sind jetzt sehr besorgt – in Mexiko gibt es immer mehr Gewalt und Unsicherheit. Vor der Wahl gab es verstärkte Polizeirepressalien, auch gegen Frauen und Kinder. Einige unserer Freunde sitzen gerade im Gefängnis.

Missael: Diese Wahl war schon besonders eigenartig. Wenige Mexikaner sind wirklich für einen Kandidaten. Die meisten wählen nur das geringere Übel. Eigentlich sollte es ja darum gehen, wirklich gute Politiker in der Regierung zu haben. Viele Mexikaner hat es während des Wahlkampfes mehr interessiert, wie Mexiko bei der Weltmeisterschaft spielt. Und die Kandidaten haben die großen Fußballspieler für Werbespots engagiert.

Luis: Ich glaube, es gibt einfach keine wirkliche Option. Der vergleichsweise Bessere ist sicher Obrador, aber er hat im letzten Jahr mit Leuten zusammengearbeitet, die an der Unterdrückung in Chiapas beteiligt waren. Und während der Wahlkampagne hat er auch mit Leuten gearbeitet, die bei der alten Staatspartei PRI waren, die 70 Jahre lang Mexiko regiert hat.

Missael: Wir glauben, dass es Möglichkeiten für unabhängige Kandidaten geben sollte, für Menschen, die dich wirklich repräsentieren. Nicht nur Parteien, die sagen: Das ist euer Kandidat, wähle ihn oder den anderen. Doch auch wenn sich jemand finden würde, der die Leute in seinem Viertel repräsentieren wollte, ginge das nicht. Das verbietet das Gesetz in Mexiko.

Panteón Rococó, aktuelles Album: „Tres veces Tres“, Übersee Records 2005

(Fotos & Interview: Barbara Mürdter)

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Kategorien: Musik, Politik

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