Matthias Rohl
25. Oktober 2011

Filmgeschichte(n): „Scarface“

Sophisticated und sexy: Brian De Palma ist der große Stilist des New Hollywood

Die Mafia ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Früher hatten die Gangster Messer in der Tasche und Narben im Gesicht. Und ihre Bosse ließen sich Villen bauen, die so aussahen, als wären sie der Phantasie des Hollywood-Kinos entsprungen: Orgien wuchtiger dorischer Säulenreihen, doppelte Giebelfelder, schmiedeeiserne Verzierungen, ausladende Treppen, riesige Wasserbecken und Marmor-Prunk. Mafiosi bewunderten Film-Helden, imitierten ihre Gesten, sprachen ihre Sätze nach, kopierten ihre Outfits. Und heute?

"Scarface", Filmplakat

Lange unterschätzt, doch längst mit Kultstatus in der Populärkultur: „Scarface“, Filmplakat

Heute sind die Mitglieder der Mafia unsichtbar, studieren, beschäftigen sich mit Investitionsstrategien, gehen ins Ausland: Und auch die neue Generation der Bosse hat keine klassische kriminelle Karriere absolviert – sie ist Gewinner des blühenden Neoliberalismus. So hat der italienische Journalist Roberto Saviano die Machenschaften der Mafia in seinem brisanten Bestseller „Gomorrha“ (2007) beschrieben. Ein Buch wie eine Schusswunde – voll Schmerz, Blut und Tod. Savianos Sensation: Er nannte Namen. Das hat ihn für die Mafia gefährlich gemacht: Seit 2006 lebt der Autor unter Personenschutz im Untergrund.

Ästhet des New Hollywood

Brian De Palmas „Scarface“ (1982) gilt bis heute als einer der Lieblingsfilme der italienischen Mafia. Bisher in Deutschland nur als hoffnungslos verstümmelte, um 22 Minuten gekürzte Version erhältlich, liegt das Meisterstück jetzt endlich als unzensierte DVD-Edition in voller Länge vor. Der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger hat in dem unentbehrlichen Sammelband „Mythos Der Pate“ (2011) notiert, De Palma gehöre zur Generation der Regie-Wunderkinder des „New Hollywood“. Wie Francis Ford Coppola, Martin Scorsese und Michael Cimino ist er Italo-Amerikaner, doch stärker noch als seine Kollegen geprägt durch das europäische Arthouse-Kino.

Brian De Palma

Schuf einen der „großen modernen Gangsterfilme überhaupt“: „Scarface“-Regisseur Brian De Palma

„Sophisticated und sexy“ sollten De Palmas Filme sein, betont Stiglegger, „mit Farben spielen, mit (weiblichen) Kurven, mit Blicken – und mit Waffen. Und immer: mit der Kamera. Mehr als seine Kollegen ist De Palma camera-conscious, ein Metafilmer durch und durch. Künstlichkeit ist ihm nicht fremd, Zitate seine Basis, Schönheit ein Diktat.“ Er sei in seiner Bildersprache nicht selten nah am expressiven italienischen Giallo-Thriller, gelte als Stilist, manchen gar als unterschätzter Ästhet: „De Palma sollte man nicht unterschätzen – denn nicht Scorsese, sondern er hat die Sprengkraft von Robert De Niro entdeckt“, resümiert der Filmexperte.

Kapitalismus und Kokain

Dabei kam De Palma eher zufällig zur Remake-Regie von „Scarface“, dessen Original Howard Hawks 1932 gedreht hatte. Regie-Kollege Sidney Lumet arbeitete bereits an der Inszenierung eines Drehbuchs, das Oliver Stone geschrieben hatte. Dessen Scripte galten damals als „wild, obszön und comichaft, und Lumet verlangte tiefgreifende Änderungen. So kam De Palma ins Gespräch, dessen expressiver Stil gut mit Stones Drastik vereinbar schien“ (Stiglegger). Der Plot des Originals von „Scarface“ war folgender: Während der Prohibition in Chicago ermordert Tony „Scarface“ Camonte seinen ehemaligen Chef Costillo und schließt sich dessen härtestem Konkurrenten Lovo an. Es folgen das Monopol auf den Bierverkauf und blutige Bandenkriege, an dessen Ende Camonte Alleinherrscher in der Stadt ist. Er beseitigt schließlich auch Lovo, nimmt sich dessen Geliebte und tötet seinen treuen Handlanger, als dieser heimlich Camontes Schwester heiratet. Der letzte Mord steht im Zeichen seines Scheiterns: Die Polizei belagert Camontes zur Festung ausgebautes Haus und erschießt ihn und seine Schwester im Showdown.

"Scarface", Szenenfoto

Brutal und entfesselt: Al Pacino als Tony Montana

Diese Handlung, die in groben Strichen eine Skizze der Karriere des legendären Al Capone zeichnet, transportiert Brian De Palma kunstvoll und werktreu in das Miami der 1980er-Jahre. Aus Camonte wird Tony Montana (Al Pacino), ein kubanischer Flüchtling und brutaler Aufsteiger im Kokain-Kapitalismus der neoliberal entfesselten Reagan-Ära. Mit „ungewöhnlich kühlen, präzise stilisierten Bildern“, so Stiglegger, „gelang De Palma mit seiner Variation einer der großen modernen Gangsterfilme überhaupt, der angesichts seiner rücksichtslosen stilistischen Konsequenz einen Schlussstrich unter jede romantische Verklärung zog“. Als grelles Gegenstück zu Coppolas Paten-Saga von der Oscar-Jury noch verkannt, genießt De Palmas Werk inzwischen Kultstatus in der Populärkultur: In Computerspiel, HipHop-Posing oder Mafia-role-model lebt der Geist des maßlosen Aufsteigers fort.

nächste Folge:
„Sein oder Nichtsein“
Wie man über Nazis lacht: Von Ernst Lubitsch könnten heutige Comedians viel lernen

(Fotos: Pressefotos)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Film

Kommentiere diesen Artikel