Marc Mrosk
2. November 2011

Morning glory

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 12: Zuhause im Nichts

Ich erwache auf dem Asphalt. Eine nicht enden wollende Häuserwand auf der anderen Seite und Müll vor zerschossenen Fenstern neben mir. Ein kühler Herbstwind, der umherpfeift, lässt mich blinzeln. Meine Zunge ganz trocken und die Kehle rau wie Pergament-Papier. Ich frage meinen Körper nach dem Alkohol der letzten Nacht, doch der weiß es nicht. Mein Körper drückt Gleichgültigkeit aus, bis auf den Rücken, der beim Bewegen jault und knarzt wie rostige Scharniere. Ich weiß übrigens auch nichts. Ich schaue über den verdreckten Boden und denke über meinen letzten Traum nach. Ich konnte nichts erahnen. Worum gings? Wenn ich das nur wüsste. Ob es wichtig ist? Nein, eigentlich nicht.

Was ich sehe, sind die Überreste eines Morgens

Ein paar Zeilen flüstern mir durch den Kopf, die ungefähr so gehen: „Aufgewacht mit einem Blick ins Nichts / Ein Hund mit Tränen im Gesicht / Ein kalter Stein war mir ein Bett / Eine Frau gar lächelte, ich fand sie nett / Verzückt und müde und doch so wach / Der erste Zug und schon schachmatt.“ Ich suche nach einem Stift in meinen Taschen, um das aufzuschreiben. Nicht, dass es sich hier um ein lyrisches Meisterwerk handeln würde, doch ich hoffe, bei nochmaligem Begutachten in ein paar Stunden eine erneute Eingebung von meiner großartigen Muse zu erhalten: Es muss eine Frau so um die 50 sein, mit lila Schatten unter den Augen, Kehlkopf-Krebs im Endstadium und einem angesägten Holzbein, dass nach Kölnisch Wasser riecht. Ein wahres Prachtweib sozusagen.

Meine Muse lässt mich allein am Tatort zurück

Während ich lächelnd an sie denke, bemerke ich, dass meine Taschen leer sind. Ich fühle mein Bein, meine Rippen, sonst nichts. Sämtlicher Inhalt entflohen. Gut, fassen wir zusammen: Ich sitze auf dem Boden in irgendeiner Straße. Scheiß auf den Stift. Scheiß auf den Vers. Wie kam ich überhaupt darauf und wo bin ich? Also, noch mal von vorn. Ich sehe mich um: Eine Straße, verdreckt, an einigen Stellen zugemüllt und verwahrlost. Risse in den Mauern und der Geruch von Hundekot. Es ist menschenleer. Man hat mich hier einfach vergessen. Ich stehe auf, klopfe den Staub von den Klamotten und gehe langsam die Straße hinunter. Ich folge dem Lärm der Autos und sehe bald Straßenschilder: „Celler Straße“ und „Kohlrauschstraße“. Die Namen lassen ein leises Rascheln bei mir ertönen, aber ich kann mich nicht erinnern. Nicht mal mein eigener Name fällt mir ein. Filmriss deluxe, das volle Programm. Gut, den einen oder anderen Tag hätte ich sicherlich gerne gelöscht, aber gleich alles? Aber sich sorgen bringt jetzt auch nichts. Ich lasse mich durch das morgendliche Stadtgetöse treiben. Hektische Hupen, krankes Lachen, Ameisenschreie und ein Mann mit bunter Frisur, der nach einem Euro fragt. „Was ist ein Euro?“, frage ich zurück und er antwortet nur: „Du sagst es, Mann.“

Wünsche einen Flug nach oben, wo ich besser sehen kann

Die Kreuzung, die hinter sich einen langen Schwanz herzieht, der dann zu einer Überführung wird, bringt kein Licht in meine Amnesie. Unglaublich. Soll ich mich beschweren? Aber bei wem? Ich erörtere weiter meine Umgebung. Dort die Ludwigstraße mit einer Reihe von leeren Schaufenstern, denen ihre Puppen fehlen. Ich sehe den hohen Turm mit dem „Von Wegen“-Button am Hals kleben. Er beginnt langsam zu wanken, je länger ich ihn von hier unten anstarre. Ein Schwindelgefühl überkommt mich. Ich blicke hinab ins Loch eines gewissen Raschplatzes. Er schaut zurück mit ähnlich müden Augen wie die meinen. Hektik kommt und geht, dort unten bei den hundert Stadtläufern, die ihre U-Bahnen erwischen wollen. Dann verschwinden alle ganz plötzlich und ich bin wieder allein.

Was bleibt sind Erinnerungen an nichts – und schwankende Türme

Alles, was übrig bleibt, sind diese Stadt und ich. Nun ist es meine Stadt. In völligem Einklang und totaler Hingabe gehe ich die Liebe zu einer Fremden ein. Ich hebe ab und schwebe über dir. Der Flug über die Muse, die ich mir um einiges hässlicher vorgestellt hatte. Aber seien wir ehrlich: Von hier oben, fernab all der Sorgen der Straßen, wirkt vieles schöner, als es in Wirklichkeit ist. Es herrscht völlige Freiheit. Ich kenne nichts. Ich habe nichts. Ich brauche sonst nichts. Nur Dich.

Ein letzter Blick von oben: Die Freiheit vor dem Fall

Da kreuzt ein Junge meine Sicht und stiert mich lächelnd an. Er kommt langsam die Treppen von diesem Raschplatz hoch und hat etwas in seinen funkelnden Augen, das mir sagt: „Da biste ja. Wo warst du denn? Hab Dich schon überall gesucht. Mann, Du machst wieder Sachen…“ Umso näher er kommt, desto mehr verliere ich an Höhe. In Kürze werden wir kollidieren und er wird mich über alles aufklären. Name, Datum, Zukunftspläne, Religionszugehörigkeit, und dass mein Scheiß-Fenster zu Hause die ganze Nacht offen stand, obwohl es Hunde und Katzen geregnet hat. Ich möchte nun hier schließen und die letzten Sekunden in Freiheit genießen, bevor ich falle.

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur, Lokales

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