Lena Stiewe
24. März 2013

„Man sollte auch an die kleinen Blumen denken, mit denen man sich so gerne schmückt.“

Über die Anfangstage des Theaters in der List, die aktuelle Krise und Hannovers Kulturpolitik: langeleine.de im Gespräch mit Willi Schlüter

Denkt noch lange nicht ans Aufgeben: Willi Schlüter, Schauspieler, Regisseur und Leiter des Theaters in der List

Seit Anfang des Jahres 2013 häufen sich Gerüchte und Berichte um eine mögliche Existenzkrise, Geldnöte und die wacklige Zukunft des Theaters in der List. Das freie Theater, das bereits seit sechs Jahren in einer ehemaligen Aldi-Filiale in der Spichernstraße ein umfangreiches Programm auf die Beine stellt, musste bislang ohne städtische Zuschüsse auskommen. Der März stand ganz im Zeichen des „3. Internationalen Kammertheater-Festivals „Most“ und der Aktion „Hannover hilft!“, mit der andere hannoversche Kulturschaffende ihre Solidarität für das angeschlagene Theater bekundeten. Ein Grund, Theater-Leiter Willi Schlüter zu treffen und mit ihm über die aktuelle Situation des Theaters zu sprechen.

„Der Plan B heißt weitermachen!“

Wir fragen nach, wie alles begann, und Willi Schlüter ist sofort in seinem Element: „Wir hatten keine Pläne, wir haben spontan angefangen. Tim von Kietzell und ich suchten damals für eine Inszenierung einen ganz maroden, morbiden Raum. Wir fanden diesen leeren, verdreckten Aldi-Markt und haben anschließend gesagt: Komm, wir riskieren das.“ Am Abend unseres Gespräches, an dem das Kammertheater-Festival „Most“ einen ersten Höhepunkt erreicht, ist vom Staub und der vielen Arbeit der Anfangstage nichts mehr zu sehen. Nach einer sehr gut besuchten Aufführung wird schnell eine Gruppe Tische zusammengeschoben, und das Ensemble sowie viele der internationalen Gäste kommen in einer illustren Gruppe zusammen, die Stimmung ist gelöst. Neben Hähnchen und Nudelsalat vom Buffet gibt es Wasser und Wein, es wird Wodka gereicht.

„Das ist nun das dritte Mal, dass wir dieses Theater-Festival veranstalten, gemeinsam mit Tolstoi e.V., und es findet in dieser Woche jeden Abend eine Aufführung statt. Die internationalen Künstler und Gäste stammen dieses Jahr zum Beispiel aus Kirgisien, Russland, dem Kosovo, Palästina und Großbritannien“, berichtet Schlüter. Unsere Nachfrage zur marginalen Aufmerksamkeit der hannoverschen Presse gegenüber diesem Festival provoziert starke Emotionen: „Das kann ich mir auch nicht erklären! Wir haben eingeladen, informiert, doch selbst bei der Pressekonferenz hat die hannoversche Presse mal wieder mit Abwesenheit geglänzt. Bei anderen Kleinigkeiten, die in Hannover passieren, ist immer alles sofort da.“ Wir hören ein wenig Verbitterung bei Willi Schlüter. „Nein, nicht Verbitterung. Eher Enttäuschung. Ich bin seit 40 Jahren hier in Hannover – ich weiß, dass die hannoversche Presse ein bisschen eigenbrötlerisch ist und oft nicht über den eigenen Tellerrand hinausguckt. Es sei denn, sie fahren auf Kosten der Zeitung zu großen Aufführungen von Bayreuth bis München, das ist dann wichtig. Was in Hannover stattfindet, wird hingegen oft stiefmütterlich behandelt. Das geht nicht nur uns so, da spreche ich glaube ich auch für viele andere Kulturschaffende und freie Initiativen in dieser Stadt.“

Seit fast sechs Jahren ein Ort für innovatives Theater: das Theater in der List in der Spichernstraße

Der gesamte Monat März stand im Theater in der List im Zeichen der Initiative „Hannover hilft“. Diverse Veranstaltungen und sollten Unterstützung für das angeschlagene Theater leisten. wir fragen Schlüter nach einer ersten Bilanz. „Ich bin überwältigt von der Resonanz. Die Veranstaltungen sind alle voll. Die Leute rufen an, fragen wie Sie helfen können, bieten sogar an, ehrenamtlich zu putzen. Sie sagen, wir möchten dieses Theater erhalten – Herr Schlüter, machen Sie weiter! Alles, was am Ende finanziell herauskommt, hilft uns ganz toll. Das Haus erlebt derzeit eine kleine Renaissance.“ Auf einen möglichen Plan B angesprochen, falls die Initiative keinen Erfolg gezeitigt hätte, antwortet Schlüter eindeutig: „Es gibt immer einen Plan B, und der heißt weitermachen!“

„Die Stadt sollte froh sein, dass die Theater voll sind“

Im Dezember 2012 hat der Kulturausschuss der Stadt Hannover eine Grundförderung des Theaters in der List abgelehnt – mal wieder. Doch diesmal hatte Schlüter nicht mit einer Absage gerechnet. „Mein Partner, der jetzt ausgestiegen ist, vielleicht. Ich bin enttäuscht, sehe aber auch mögliche Missverständnisse. Es gibt derzeit Gespräche mit Mitgliedern der Fraktion, die die Sache anders eingeschätzt und die Brisanz nicht erkannt haben. Ich bin auch in Gesprächen mit anderen Stellen in der Stadt, um weitere Finanzierungswege aufzutun. Ich sehe erfreuliche Tendenzen und hoffe, dass die Weichen für die kommenden Jahre gestellt werden können. Aussage ist, dass alle Fraktionen und auch die Verwaltung sagen: Ja, wir möchten das Theater in der List.“ Auf die vermeintlichen Missverständnisse in der Kommunikation mit der Stadt Hannover angesprochen, argumentiert Willi Schlüter, dass er und sein Partner Tim von Kietzell überzeugt davon waren, in fünf Jahren Spielbetrieb gezeigt zu haben, was ihr Theater wert sei: „Wir haben ein tolles Publikum hier, und der Stadtteil steht hinter uns. Da haben wir gehofft, auch eine entsprechende Würdigung zu erhalten. Jetzt hat der Beirat aus Fachleuten gesagt: Nein, das Schema freie Förderung passt nicht auf das Modell des Theaters in der List. Ich aber unterscheide nur zwischen gutem und schlechtem Theater. Und wenn das Theater gut ist und die Leute kommen, sollte man dafür nicht bestraft werden und gesagt bekommen, das sei populistisch. Das ist für mich absoluter Blödsinn und auch borniert. Ich will darüber gar nicht lamentieren, ich muss mich damit auseinandersetzen. Ich finde es trotzdem einfach nicht gerecht. Die Stadt sollte froh sein, dass die Theater voll sind.“

Willi Schlüter mit der Schauspielkollegin Judith Grassinger im Theaterstück „Lissabon“, 2009

Unstimmigkeiten und Differenzen zwischen Tim von Kietzell, der nun ausgestiegen ist, und ihm habe es nicht gegeben, betont Schlüter: „Es gab einfach unterschiedliche Sichtweisen auf die persönliche Lebens- und Arbeitsperspektive, so dass wir gesagt haben: Wir trennen uns. Tim ist zwanzig Jahre jünger, hat andere Ziele als ich. Ich bin zwar älter, hab aber auch noch Ziele, und ich habe nicht das Ziel, dass ich nochmal von vorne anfange. Ich habe das hier gemeinsam mit ihm aufgebaut und gebe das nicht so auf. Ich kämpfe darum!“ Die generelle Verteilung der Fördergelder im Bereich Kultur sieht Schlüter hingegen kritisch: „Ich habe die Theaterwerkstatt gegründet, ich habe den Pavillon gegründet, aber das will ich alles gar nicht mit in die Waagschale werfen. Auf der einen Seite ist die Stadt stolz auf die freie Szene. Aber meine Kritik ist nach wie vor – und da sind auch die Sprecher der anderen freien Theater meiner Meinung -, dass die grundsätzliche Förderung für die freien Theater viel zu klein ist. Es kann nicht sein, dass insgesamt zwölf Theater mit fünfhunderttausend Euro auskommen müssen. Das ist zwar viel Geld, aber aufgeteilt ist es nichts. Da muss man immer jonglieren und steht mit einem Bein im Gefängnis, weil man irgendwelche Tricks macht, um noch was hinzubiegen. Zwar gibt Hannover viel Geld für die Entschuldung aus, was auch richtig ist. Aber vielleicht sollte man ein bisschen auch an die kleinen Blumen denken, mit denen man sich so gerne schmückt.“

(Fotos: Pressefotos / Theater in der List)

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Kategorien: Bühne, Lokalitäten, Menschen

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